Dienstag, 13. August 2013

unfinished thoughts

vor jahren habe ich auf der rückseite eines buches folgendes kafka-zitat gelesen und es ist - glaube ich - zu einer art motto für mich geworden im umgang mit menschen - vor allem solchen, die ich schätze:

"wenn du vor mir stehst und mich ansiehst, was weißt du von den schmerzen, die in mir sind, und was weiß ich von deinen. und wenn ich mich vor dir niederwerfen würde und weinen und erzählen, was wüßtest du von mir mehr als von der hölle, wenn dir jemand erzählt, sie ist heiß und fürchterlich. schon darum sollten wir menschen voreinander so ehrfüchtig, so nachdenklich stehen, wie vor dem eingang zu hölle."

meine unfertigen gedanken drehen sich eins ums andere mal - manchmal langsam wie ein kinderkarrussel, manchmal schnell wie ein achterbahnlooping - darum, wie man mit seinen einsichten in und über andere menschen umgehen soll.

im alltag verarbeitet man ja ununterbrochen informationen, die man mehr oder weniger unbewusst über andere aufnimmt: stimmungen, launen, bedürfnisse, abneigungen, alles an gefühlen, was so herumschwirrt. mal wird einem das bewusst, oftmals vermutlich nicht, aber man handelt danach.  je sensibler man ist, desto passender - vermute ich. oder manchmal reagiert man auch über - vorsichtig... ich finde: besser so, als anders.

aber das sind - naturgemäß - nicht die einsichten, die mich fragend stehen lassen. denn sie machen mir das leben normalerweise schlicht leichter. ich halte mich - da gehen die probleme schon los: wie gut kann und darf man sich da beurteilen? - für ziemlich sensibel, was schwingungen angeht. also verhalte ich mich oft situationsgemäß so, dass nichts eskaliert, hoffentlich möglichst wenige leute aus dem gleis geworfen werden, ich in möglichst wenige relevante fettnäpfchen trete. ich habe in den letzten monaten angefangen zu vermuten, dass mir das oft relativ gut gelingt...

aber: kann und darf man sich selbst als sensibel und empathisch einordnen? sollte das nicht anderen überlassen bleiben, die aus dem verhalten - und ob es passt oder nicht - schließen, wie "gut" man im einfühlen ist? - ja und nein, denke ich... aber weiß ich es? nein. es gibt leuten, die bezeichnen sich selbst als "empathisch" und es schüttelt mich... "empfindlich" ist nämlich - so sehe ich es - nicht dasselbe wie "empfindsam für andere" - empathie ist für mich die fähigkeit, andere zu "lesen" - keine dünnhäutigkeit im selbstbezogenen sinne. es gibt andere, die sich als empathisch bezeichnen, die halte ich für genau das: einsichtig. zunächst einmal sehen sie "unter die haut" anderer, durchschauen tarnmechanismen und versteckversuche.

wie bewusst sie sich dessen sind, tut erst einmal nichts zur sache, finde ich. solche menschen sind oft angenehm. sie verhalten sich nämlich meistens emotional angemessen.
manchmal sind sie aber auch fast unheimlich - man fühlt sich durchschaut und weiß damit nicht gut umzugehen. ich vermute, dass es vielen menschen, die sich für gute schauspieler halten, so ergeht, wenn sie einem wirklich empathischen menschen begegnen.

die nächste stufe ist dann, sich der erkenntnisse über andere bewusst zu sein, sie denken und damit auch einer analyse unterziehen zu können. man kann sie einordnen, schlüsse daraus ziehen, sie bewerten, wenn man will. und an dieser stelle wird es dann wirklich problematisch. denn geht man hier weit und weiter, erhebt man sich dann nicht über die anderen? verliert man nicht den respekt? kann man menschen, die man zu durchschauen glaubt, noch mit ehrfurcht und nachdenklichkeit gegenübertreten?

ich bin nicht sicher. das ist ein wirklich tiefgreifendes problem für mich, das fragen nach sich zieht...

1. bin ich empathisch - oder halte ich mich nur dafür?
2. bin ich ein arroganter schnösel, wenn ich mich selbst für empathisch halte? - will ich das sein?
3. was macht es mit mir, wenn ich mir eingestehe, dass ich mich für empathisch halte?
4. wie soll ich mit erkenntnissen umgehen, die ich gewinne, wenn ich jemanden "genau ansehe"?

an diesem punkt setzen neue schwierigkeiten an - unfertige gedanken without end...

1. kann ich mir trauen? sehe ich dinge wirklich oder bilde ich sie mir nur ein?
2. kann ich ohne urteil hinsehen - das deuten bleiben lassen? wenn ja, wirklich?
3. wozu sind erkenntnisse gut, wenn ich damit nichts tue?
4. was bedeutet es, erkenntnisse zu ignorieren? - ignoranz? respekt? dummheit?
5. wenn ich aber danach handle - was ist, wenn ich mich irre?

faktisch muss ich also doch zu einem schluss kommen, für wie empathisch, für wie "gut im menschenlesen" ich mich tatsächlich halte. nur dann kann ich bewerten, wie gut meine erkenntnisse sind, wie zuverlässig, zutreffend, denn nur dann kann ich entscheiden, ob ich meine handlungen an sie anpasse, oder mich doch lieber an "fakten", selbstaussagen, konkreten handlungen "festhalte".

was bin ich denn nun?
empatisch?
arrogant?
unsicher?
feige?
will ich nur nicht zu geben, wie ich mich sehe, weil ich denke, andere könnten anderer ansicht sein?


und in den spiegel gucken bringt gar nichts - habe ich festgestellt...  denn sich selbst zu (er)kennen ist ein völlig anderes paar... schuhe.^^ oder?

2 Kommentare:

  1. Just very briefly, i´m on the run;)
    ein zitat aus stoppards R&G are dead erscheint mir passend: Auf die Frage "(...) what are we supposed to do?" - "Relax. Respond. That´s what people do. You can´t go through life questioning your situation all the time."

    ich denke das ist, was du mit deiner empathie zumindest in harmlosen alltagssituationen tun kannst, deine eindrücke aufnehmen und dein verhalten an diesem wissen anpassen. als ständiger prozess.

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  2. thank you to mr stoppard! :-) - what a wise guy.^^ - ja, in alltäglichen situationen ist das bestimmt die einzige sinnvolle und faire vorgehensweise... :-) - aber was machen wir in speziellen situationen ud wie beurteilt man das alles? - i'd be very interested in your opinion, just in case you are not on the run for some tiny seconds in your life... let's have some more coffee!

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