hier kommt nun die längere fassung des "short report"... wer die kurzfassung bevorzugt: ganz unten! :-)
freitag, der 6.7.
1. stunde: mathe, 5a, es klopft, die sekretärin und eine kollgein stehen vor der tür und rufen mich zu einer "krisenintervention" - weinenende schüler in der aula, die nach mir fragen. ich übergebe die korrektur der hausaufgabe an den klassencrack und renne los. und interveniere... ein junge hatte sich am abend vorher einen gürtel um den hals gelegt. er hat dann aber selber abgebrochen. und das ganze am nächsten morgen seinen freunden erzählt (na, irgendwie wussten sie es jedenfalls). alle waren verständlicherweise völlig überfordert, seine freundin allen voran. seit wochen. ich wusste - im vorfeld von seine freundin mit seinem einverständnis aber anonym informiert - schon so einiges, z.b. dass er wohl seit monaten darum bittet, zu einem psychologen gehen zu dürfen, um sich helfen zu lassen (er ritzt, er schlägt mit den fäusten so gegen wände, dass seine knöchel ununterbrochen geschwollen und dunkelblau sind... und alle damit einher gehenden inneren schwierigkeiten natürlich), aber seine eltern, die mutter vor allem, lassen ihn nicht. ein kollegin kam hinzu, und so konnte wir welchselweise ihn, seine freundin und seine freunde auffangen.
ausgang und konsquenz der aktion: der junge mann und seine freunde gingen irgendwann wieder in den unterricht, seine freundin nach hause. die kollegin telefonierte mit der mutter des knaben so lange, bis die endlich einwilligte einen psychologen einzuschalten und einen termin arrangierte.
(die englischschulaufgabe in der 2. stunde muss 20 minuten später beginnen, 4 schüler sind zu aufgelöst, um gleich mitzuschreiben und schreiben in der 3. stunde nach. das alles zu organsieren, ist völlig wahnsinnig ... und klappt überraschenderweise unter mithilfe einer ganzen reihe von kollegen. wow!)
alle betroffenene schüler bekommen meine handynummer und meine emailadresse für notfälle. ich unterhalte mich über ein stunde lang mit einem "alten" aber sehr ähnlichen und inzwischen weitgehend "überstandenen" "fall", um meine einschätzung der situation ein klein wenig zu überprüfen und bin dankbar und ein bisschen beruhigt (soweit es die selbstmordbefürchtung betrifft auf jeden fall...). das wochenende verläuft ruhig.
montag, der 9.7.
mein freier tag. um kurz nach 10 klingelt mein handy und ein schüler bittet mich, doch sofort zu kommen, wenn das geht, sein freund sei zusammengebrochen und sie wüssten nicht mehr, was tun. ich rate, die andere kollegin hinzuzuziehen und fahre sofort los. vor ort ist die kollegin in der aula bereits am "intervenieren", ich setzte mich dazu. fakten: die freundin hat das handtuch geworfen und hat die beziehung beendet. die folgen sind vorstellbar. wir versuchen, den aufgelösten jungen mann soweit wieder herzustellen, dass er entscheiden kann, ob er nach hause gehen möchte oder lieber in den unterricht. ich suche das betroffene mädchen und stelle sicher, dass sie stabil ist. ich erkläre ihr nochmal ausdrücklich, dass sie richtig gehandelt hat. (denn das wird das problem werden, so denke ich, in der zukunft: man wird ihr vorwürfe machen - die de facto völlig unberechtigt sind: eine 14-jährige, die seit wochen kaum schläft und isst vor lauter überlastung wegen des mit depressionen kämpfenden ebenfalls 14-jährigen freundes, hat meiner ansicht nach nur eine aufgabe: sich selber retten. punktum. sie scheint soweit gut aufgehoben bei freunden und einer verständnisvollen familie. gut.)
dienstag, 10.7.
ich komme in die schule und erfahre:
der junge ist am nachmittag sehr außer sich gewesen, hat in der schule mit selbstmord gedroht, hat damit seine beste freundin halb zutode erschreckt, dann wurde aber die tante, eine ärztin, eingeschaltet, die ihn abholen kam und der schulspysychologin zusicherte, den jungen sofort in die jugendpsychiatrie in augsbrug zu fahren. unter einbeziehung der hoffentlich einsichtigen mutter. wir wissen nicht, ob das geschehen ist und halten dem jungen die daumen.
die klasse und einige betroffene aus den parallelklassen sind aufgelöst.
ich telefonieren mit den aufgebrachten eltern der besten freundin des betroffenen jungen, die uns 8der schule) aufsichtspflichtverletzung geegnüber der tochter vorwerfen (nicht ganz unnachvollziehbare argunentationskette übrigens...) und deeskaliere hier weitgehend erfolgreich, denke ich.
ich telefoniere mit einer vertreterin des elternbeirates, die dringend um unterstürzung für die klasse bittet, da sie von ca 10 augebrachtern eltern angerufen wurde, die weinende töchter trösten mussten (und nun die schule dazu auffordern, die kinder aufzufangen... aha.. naja...) ich organisiere eine "kriseninterventionsstunde" am selben tag und versuche, zusammen mit der oben erwähnten kollegin, 35 jugendliche aufzuklären und zu beruhigen. erfolg ungewiss.
konsequenz: ich vergesse die englischfachsitzung (nicht absichtlich!) und gehe nach hause, um zu schlafen. denn am abend ist die vorletzte theaterprobe für unsere aufführung am freitag.
mittwoch, 11.7.
wir erfahren, dass die eltern eingewilligt haben, den betroffenen jungen in der klinik bleiben zu lassen. wir sind erleichtert, da er nun endlich die unterstützung bekommt, um die er wochenlang gebeten hatte.
freitag, 13.7.
unsere theateraufführung: The Heights von Lisa McGee, gespielt von der New English Drama Group ist ein großer erfolg. das hypet! :-)
das wochenende:
ich korrigere, bis mir die hände fast abfallen und das gehirn purzelbäume schlägt. zudem schlafe ich von samstag auf sonntag 2 stunden - weil ich bei einem freund die nacht durchgeratscht habe (freizeit muss sein, und wenn's auf kosten des schlafes geht^^). montag morgen verschlafe ich (vor einer klassenfahrt ein first!) und kriege die korrekturen deshalb nicht ganz fertig... naja...
montag, 16.7.
ich fahre in die schule, erledige den rest der zeugnisarbeit, trage noten ein, etc., organsiere eine nachholklausur, die in meine abwesenheit stattfinden muss... dann gebe ich mein auto zur reparatur und lasse mich mitsamt koffer nach buchloe fahren: auf geht es nach BERLIN. studienfahrt mit der 10b.
eine woche berlin! eine laute stadt, ein wunderbare klasse, ein paar menschen mit gesprächsbedarf, viel kultur (stasigefängnis, stadtführung zu fuß, bundestagsbesuch, poetryslam in neukölln, kabaret am prenzlauer berg, museumsbesuche, interviews mit einheimischen, shopping, viel kaffee und essen, sans souci und potsdam, fahrt auf den fernsehturm (ohne mich^^ - ich hab vom hochaus "gegenüber" gewinkt - siehe 'intermezzo') und viel, viel spaß (rollentausch: lehrer ziehen schüler durch den kakao, aufgebrachte klasse, engagierter klassensprecher, nervenkriege und lachsalven, singen, vielvielviel photographieren - ich glaube, wir hatten kameras im gesamtwert von ca. 5000 euro in der gruppe...., wetten - springt er in sans souci in den kanal? für wieviel? - es gibt beweishotots!!!, wie hoch liegt berlin, hält der herr kollege seinen eigenen witz durch? - viele getränke gingen bei starbucks über die theke, die ohne diese wetten wohl ungekauft geblieben wären^^). alles geht so überraschend gut, dass ich am letzten tag ständig auf die noch ausstehende panne warte. sie kommt nicht.
meine stimme ist weg, kopf&herz voller neuer eindrücke und hochgefühl. ich kannte die klasse vorher noch nicht so gut, jetzt kenne ich viele zusammenhänge und einige der schüler viel besser. das ist schön und tut gut.
und ich werde sehen, ob ich auf den azoren einen schnuppertauchkurs machen kann - ja, (junger) man(n) hat mich überzeugt. ;-)
intermezzo: ich wurde am letzten abend (der kollege hatte mir frei gegeben^^) von einem ehemaligen klassenkameraden, der seit 11 jahren in berlin ist, mit frau, familie und pferd, und oberarzt in der unfallchirurgie der charité (genau wie vor 20 jahren geplant^^) sehr elegant ausgeführt und wir hatten einen ausgesprochen interessanten, angenehmen abend, mit berlinrundfahrt und ausblick über die stadt im sonneneuntergang.
der abend klang aus, indem ich mit 15 schülern um die häuser gezogen bin, als begleitperson, weil man sie sonst nicht ohne weiteres irgendwo reingelassen hätte (sie sind ja erst 16) - nach 12 uhr gibt es da ja vorschriften - wir sind dann zu später stunde in einer abendteuelichen irrfahrt per fuß und nachtbus gegen halb 3 oder so wieder im hostel gewesen, wo ich dann bis 4 uhr auf einem stuhl in einem zimmer sitzen durfte und mein weggehenwollen (damit die mal etwas wildere abschlussstimmung entwickeln konnten) stets mit "ne, das liegt nicht an Ihnen, bleiben Sie doch." oder "ein lied geht noch, frau L." verhindert wurde. ein schöner ausklang, mit einem etwas trunkenen gitarristen und sänger (eine von drei gitarren und 5 stimmen), bier und keksen.
freitag, der 20.7.
frühstück, auschecken, 2 reststunden in der stadt (entdeckung eines unglaublich netten ladens, einkauf letzter mitbringsel, noch mal starbucks), fahrt zum bahnhof, letzte wettgewinne einlösen, proviant kaufen. ab in den zug, eine überlange heimfahrt. alle sind erschöpft, die meisten wirken glücklich. wir lehrer auch.
zwei sehr ereignisreiche wochen liegen hinter mir. dies war die gekürzte lang-fassung des reports.

deshalb hier nun die kürzestfassung für ungeduldige und zeitlose:
"pubertätt ist, wenn die eltern schwierig werden!"
schlaf und eine gesunde stimme werden maßlos überbewertet.^^
schüler haben bessere kameras als lehrer (und sie haben sie zumeist selbst bezahlt!)
manchmal trifft man menschen nach 20 jahren und entdeckt dann, dass man sich was zu sagen hat.
gespräche mit sehr jungen menschen sind deutlich gewinnbringender, als viele glauben.
berlin ist (nicht nur) eine reise wert. aber laut!
der kollege ist deutlich weniger langweilig als gedacht.
mit 16 hat man liebeskummer.
künstlerisches talent ist vor allem übung (sagt der begabte künstler).
wie man lernt, unter wasser zu atmen.
banksy.
in israel ist alles anders.
friedrich der große hatte einen ätzenden vater und liebte seine hunde und die franzosen und die philosophie.
poetryslams rock!
the fray.
wer spricht, wird zitiert. (und aufgeschrieben...)
berlin von oben ist schön und das sonnenunterganslichtkreuz auf der kugel des fernsehturms ist ein affront gegen die DDR (sagt(e) herr honecker...)^^
albanisch ist eine schöne sprache zum singen und die albanische botschaft braucht einen repräsentativeren bau.
manchmal gewinne sogar ich wetten.
ich muss trotzdem einen kuchen backen, weil berlin unter 180m meereshöhe liegt...
es gibt kleidungsstücke, die sind "voll jonathan".
ich sehe nicht nach sentimentalen liedern aus und bin (zitat)."cool"! (juhu!^^)
"Sie MÜSSEN tauchen!"
"ein lied geht noch!"
10b: WOW!
danke!
einzweidrei sinnvolle photos folgen....
Ziemlich durchwachsen und klingt nach verdientem Urlaub! Freu mich schon - vor allem nach: "Sie müssen tauchen!" :) Sehr fein.
AntwortenLöschenApropos "Sie müssen tauchen" - wenn Du das machen willst, nicht vergessen: Tauchsport-Untersuchung machen (1-2 Std.) - sonst geht da nix.
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