warum wird uns ein lebenlang erklärt, wütend zu sein, sich zu wehren gegen dinge, die wir unfair, ungerecht, gemein finden, aggressionen zu zeigen (oder sogar, sie zu haben), laut zu werden, all das sei nicht in ordnung - aus zunächst einem sehr einfachen grund: mädchen tun das nicht.
warum wird uns das ein leben lang erzählt?
wenn ich doch immer wieder höre, es sei wichtig, genau all diese dinge zu tun?
weil es uns seelisch gesund hält.
weil es gut tut.
weil es ungerecht ist, es uns zu verbieten.
weil... weil... weil...
wenn jemand davon erzählt, dass sie es geschafft hat, sich endlich mal zur wehr zu setzen gegen ungerechtigkeit, unverschämtheit, unverständnis, jubeln alle - vor allem frauen.
ich sitze dann da und denke und finde mich im zwiespalt wieder.
einerseits freue ich mich, dass sie es geschafft hat, eine schwelle zu überwinden, und dass es ihr genugtuung, ein gutes gefühl, selbst-sicherheit, kraft verschafft. denn das alles gönne ich jedem und wünsche es vor allem meinen freunden!
andererseits fühle ich mich schrecklich unwohl - weniger aufgrund der ausgangsberichte - vielmehr wegen des unverhohlenen (manchmal beinahe hämisch, mir aber immer aggressiv anmutenden) jubels, der auf diese berichte folgt. so, als sei das erwidern von gemeinheit mit wut, aggression, manchmal auch gegengemeinheit ansich, in jedem fall und per se eine gute sache.
ich bin sehr wohl der ansicht, dass es wichtig ist, sich zu wehren, wenn man sich schlecht behandelt fühlt. das recht darauf werde ich sicher niemandem absprechen.
woher also das unwohlsein?
man könnte sicher sagen: "sie ist halt ordentlich indoktriniert durch die entsprechende erziehung vom wildfang zum umgänglichen weibchen" (... die sicher in machen belangen erfolgreich war... in anderen weniger...). ich hab bestimmt einiges verinnerlicht. mag sein.
aber irgend etwas stimmt daran für mich nicht: ich bin nämlich nicht allzu schlecht im laut werden, toben, zurückschlagen. (ok, ich war schon besser darin als in den letzten ungefähr 4 jahren. aber...)
ich bin ein kämpfer. nicht immer erfolgreich in eigener sache, meistens aber in fremder. und wenn's zu arg wird, wehre ich mich. notfalls mit unschönen, also undamenhaften mitteln.
aber im grunde sehne ich mich viel mehr danach, drüber zu stehen, mich gar nicht mehr so aufzuregen über den mangel an rücksichtnahme, verständnis, sensibilität, klugheit, mitgefühl, manieren, weitsicht anderer leute. dann müsste ich nämlich gar nicht darüber nachdenken, wie ICH mich verhalten soll, ob meine reaktion angemessen, akzeptabel, sinnvoll, gerecht ist, welche folgen das haben wird, was es für mich, für andere bedeutet, was ich da sage, schreie, tue... DAS wäre schön. ich könnte mich auf wichtige dinge konzentrieren: echte ungerechtigkeit, verletzungen, tiefes unrecht, bösartigkeit. sich dagegen zu wehren lohnt sich - ganz ohne ansehen der folgen der gegenwehr. die sind in solchen fällen irrelevant.
die dummheit der meisten menschen ist ohnehin unheilbar. aufregen lohnt sich nicht, wehren ist energieverschwendung - allein dann, wenn die gegenwehr das ärgern dämpft, sehe ich sie als lohnend an. aber wenn ich mich gar nicht erst ärgere, muss ich auch an andere stelle keine energie verschwenden. DAS wäre MEIN ideal.
dazu kommt, dass es in beinahe allen situationen neben der dummheit der leute auch noch andere erklärungen für deren verhalten gibt. und die wollen mir nicht aus dem kopf gehen, wenn ich "zurück geschlagen" habe. wenn ich drüber stehe, finde ich mich gerechter. dann fühle ich mich gut. und ich muss weniger nachdenken über solch unerfreuliche situationen.
ist das alles sehr konfus?
in meinem kopf und meinem bauch ist es das -
spricht der wolf im schlafspelz - denn er weiß nicht immer, wieviel vom schaf schon festgewachsen ist.
aber dazu an dieser stelle zu einer anderen zeit mehr.
Natürlich hast Du recht: Eigentlich sollte man darüberstehen. Sich zur Wehr setzen, ja, aber dabei souverän bleiben, und sich eben nicht auf das Niveau des Angreifers herablassen. Ich glaube auch, wenn ich Zeuge gewesen wäre, wie eine andere so ausflippt, hätte ich mich nur fremdgeschämt. (Umso erstaunlicher, dass ich mich gerade gar nicht für mich selbst schäme.)
AntwortenLöschenAllein, ich glaube, das Souveränbleiben bedarf einer wichtigen Voraussetzung: Man muss sich seiner selbst sicher sein und darf sich nicht unterlegen oder hilflos fühlen.
Und da hakt's gerade bei uns Mädchen ganz häufig. Eben weil uns eingebleut (schreibt man das noch so?) wurde, dass wir uns nicht wehren dürfen.
Ich bin sicher, diese Wut, die viele von uns in sich tragen, kommt genau da her: vom ständigen Hilflos-Sein. Wenn wir das überwinden könnten, wäre viel gewonnen.
Die Frage ist, bringen wir den Hilflosen (=häufig: Mädchen) bei, brutal zurückzuschlagen, oder den Aggressoren (=häufig: Jungs???), erst gar nicht anzugreifen?
Normalerweise bin ich der Meinung, wenn man etwas an der Gesellschaft ändern will, muss man bei sich selbst anfangen (z.B. Müll trennen). Wendet man diesen Grundsatz allerdings auf die Erziehung an und bringt seinen Kindern bei, nicht aggressiv zu sein, während andere Eltern das unterlassen... dann opfert man seine Kinder auf dem Altar der gesellschaftlichen Veränderung, denn dann werden sie angesichts aggressiverer Kinder bzw. später Erwachsener einfach untergehen.
Du siehst, ich bin relativ ratlos, was die Lösung dieses Problems angeht. Und könnte noch stundenlang weiter darüber philosophieren. Aber dann platzt der Kommentar aus allen Nähten. Inzwischen werden meine Kleinen wohl - da sie ja eh nur am Vorbild lernen - ganz gut im Austicken werden und fleissig neue Schimpfwörter absorbieren... ;)
Aggression ist ein thema mit dem ich mich selbst lange beschäftigt habe, unter anderem, weil ich selbst erst lernen musste meine gelegentlichen wutanfälle, die berserkerhafte ausmaße annehmen konnten (und immer noch können), zu bändigen. das war nicht umbedingt leicht, aber mittlerweile habe ich mich sehr gut unter kontrolle und stelle fest, dass mir vieles das mir früher aufstieß, jetzt als nicht der "mühe" wert erscheint.aber ich selbst hatte schon immer angst, anderen etwas zu tun, von da her hab ich meine aggressionen nie auf andere gelenkt. natürlich ist das nicht bei jedem so.und da kommt dann die erziehung ins spiel.
AntwortenLöschenich denke dass hier ein mittelweg wichtig ist, gerade in unsrer modernen gesellschaft. mädchen "müssen" nicht mehr hilflos sein, das muss ihnen auch klar gemacht werden.jungs (und mädels) müssen zudem lernen, mit wut umzugehen. und das geht nun mal nicht, wenn man diese komplett unterbindet.
zusammenfassend, bevor meine müden wirren gedanken sonstwo landen: sie müssen lernen respekt vor anderen zu haben und wut nur auf andere zu richten, wenn es gerechtfertigt ist (definitionssache, ich weiß). gleichzeitig kann wut aber auch genutzt werden, man muss sie nur richtig lenken.
ein kurzer Nachtrag zu "hilflosen" mädchen: ich glaube, die fünftklässlerin, die bei mir heute im sportunterricht einem jungen eine verpasst hat (ko in der ersten runde), hat da was falsch verstanden ;)
Löschen